„Ich kann nicht glauben, dass die in diesem Bande aufgestellten Ansichten gegen irgend wessen religiöse Gefühle verstoßen sollten.“

– Charles Darwin in „Die Entstehung der Arten“

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Konzertablauf
Werkeinführung
Mitwirkende


Im Anfang…

Teil I

Ouvertüre (Orchester)

RAPHAEL
Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war ohne Form und leer, und Finsternis war auf der Fläche der Tiefe.

CHOR
Und der Geist Gottes
Schwebte auf der Fläche der Wasser,
Und Gott sprach: Es werde Licht!
Und es ward Licht.

URIEL
Und Gott sah das Licht, dass es gut war,
und Gott schied das Licht von der Finsternis.

URIEL
Nun schwanden vor dem heiligen Strahle
Des schwarzen Dunkels greuliche Schatten:
Der erste Tag entstand.
Verwirrung weicht, und Ordnung keimt empor.
Erstarrt entflieht der Höllengeister Schar
In des Abgrunds Tiefen hinab
Zur ewigen Nacht.

CHOR
Verzweiflung, Wut und Schrecken
Begleiten ihren Sturz,
Und eine neue Welt
Entspringt auf Gottes Wort.

RAPHAEL
Und Gott machte das Firmament und teilte die Wasser, die unter dem Firmament waren, von den Gewässern, die ober dem Firmament waren.
Und es ward so.
Da tobten brausend heftige Stürme;
wie Spreu vor dem Winde, so flogen die Wolken,
die Luft durchschnitten feurige Blitze und
schrecklich rollten die Donner umher.
Der Flut entstieg auf sein Geheiß der allerquickende Regen,
der allverheerende Schauer, der leichte, flockige Schnee.

GABRIEL
Mit Staunen sieht das Wunderwerk
Der Himmelsbürger frohe Schar,
Und laut ertönt aus ihren Kehlen
Des Schöpfers Lob,
Das Lob des zweiten Tags.

CHOR
Und laut ertönt aus ihren Kehlen
Des Schöpfers Lob,
Das Lob des zweiten Tags.

RAPHAEL
Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel zusammen an einem Platz.
Und es erscheine das trockne Land.
Und es ward so.
Und Gott nannte das trockne Land »Erde« und die Sammlung der Wasser nannte er »Meer«;
und Gott sah, dass es gut war.

RAPHAEL
Rollend in schäumenden Wellen
Bewegt sich ungestüm das Meer.
Hügel und Felsen erscheinen,
Der Berge Gipfel steigt empor.
Die Fläche, weit gedehnt,
Durchläuft der breite Strom
In mancher Krümme.

Leise rauschend gleitet fort
Im stillen Tal der helle Bach.

GABRIEL
Und Gott sprach Es bringe die Erde Gras hervor, Kräuter, die Samen geben, und Obstbäume, die Früchte bringen ihrer Art gemäß, die ihren Samen in sich selbst haben auf der Erde.
Und es ward so.

GABRIEL
Nun beut die Flur das frische Grün
Dem Auge zur Ergötzung dar.
Den anmutsvollen Blick
Erhöht der Blumen sanfter Schmuck.
Hier duften Kräuter Balsam aus,
Hier sprosst den Wunden Heil.
Die Zweige krümmt der goldnen Früchte Last;
Hier wölbt der Hain zum kühlen Schirme sich,
Den steilen Berg bekrönt ein dichter Wald.

URIEL
Und die himmlischen Heerscharen verkündigten
den dritten Tag, Gott preisend und sprechend:

CHOR
Stimmt an die Saiten, ergreift die Leier,
Laßt euren Lobgesang erschallen!
Frohlocket dem Herrn, dem mächtigen Gott.
Denn er hat Himmel und Erde
Bekleidet in herrlicher Pracht!

URIEL
Und Gott sprach: Es sei'n Lichter an der Feste des Himmels
um den Tag von der Nacht zu scheiden und Licht auf der Erde zu geben,
und es seien diese für Zeichen und für Zeiten
und für Tage und für Jahre.
Er machte die Sterne gleichfalls.

URIEL
In vollem Glanze steiget jetzt
Die Sonne strahlend auf,
Ein wonnevoller Bräutigam,
Ein Riese stolz und froh,
Zu rennen seine Bahn.
Mit leisem Gang und sanftem Schimmer
Schleicht der Mond die stille Nacht hindurch.
Den ausgedehnten Himmelsraum
Ziert ohne Zahl der hellen Sterne Gold.
Und die Söhne Gottes
Verkündigten den vierten Tag
Mit himmlischem Gesang,
Seine Macht ausrufend also:

CHOR
Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,
Und seiner Hände Werk
Zeigt an das Firmament.

GABRIEL, URIEL, RAPHAEL
Dem kommenden Tage sagt es der Tag,
Die Nacht, die verschwand, der folgenden Nacht.

CHOR
Die Himmel erzahlen die Ehre Gottes,
Und seiner Hände Werk
Zeigt an das Firmament.

GABRIEL, URIEL, RAPHAEL
In alle Welt ergeht das Wort,
Jedem Ohre klingend,
Keiner Zunge fremd

CHOR
Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,
Und seiner Hände Werk
Zeigt an das Firmament.

Teil II

GABRIEL
Und Gott sprach: Es bringe das Wasser
in der Fülle hervor webende Geschöpfe,
die Leben haben, und Vögel, die über der Erde fliegen mögen
in dem offenen Firmamente des Himmels.

GABRIEL
Auf starkem Fittiche
Schwinget sich der Adler stolz
Und teilet die Luft
Im schnellesten Fluge
Zur Sonne hin.
Den Morgen grüßt
Der Lerche frohes Lied,
Und Liebe girrt
Das zarte Taubenpaar.
Aus jedem Busch und Hain erschallt
Der Nachtigallen süße Kehle.
Noch drückte Gram nicht ihre Brust,
Noch war zur Klage nicht gestimmt
Ihr reizender Gesang.

RAPHAEL
Und Gott schuf große Walfische und ein jedes
lebende Geschöpf, das sich beweget,
und Gott segnete sie, sprechend:
Seid fruchtbar alle, mehret euch,
Bewohner der Luft, vermehret euch
Und singt auf jedem Aste!
Mehret euch, ihr Flutenbewohner,
Und füllet jede Tiefe!
Seid fruchtbar, wachset, mehret euch,
Erfreuet euch in eurem Gott!

RAPHAEL
Und die Engel rührten ihr' unsterblichen Harfen
und sangen die Wunder des fünften Tags:

GABRIEL
In holder Anmut stehn,
Mit jungem Grun geschmückt,
Die wogigen Hügel da.
Aus ihren Adern quillt
In fließendem Kristall
Der kühlende Bach hervor.

URIEL
In frohen Kreisen schwebt,
Sich wiegend in der Luft,
Der munteren Vögel Schar.
Den bunten Federglanz
Erhöht im Wechselflug
Das goldene Sonnenlicht.

RAPHAEL
Das helle Naß durchblitzt
Der Fisch und windet sich
Im steten Gewühl umher.
Vom tiefsten Meeresgrund
Walzet sich Leviathan
Auf schaumender Well' empor.

GABRIEL, URIEL, RAPHAEL
Wie viel sind deiner Werk', o Gott!
Wer fasset ihre Zahl?
Wer, o Gott!
Wer fasset ihre Zahl?

CHOR, SOLI
Der Herr ist groß in seiner Macht,
Und ewig bleibt sein Ruhm.

RAPHAEL
Und Gott sprach: Es bringe die Erde hervor
lebende Geschöpfe nach ihrer Art:
Vieh und kriechendes Gewürm und Tiere der Erde
nach ihren Gattungen.

RAPHAEL
Gleich öffnet sich der Erde Schoß
Und sie gebiert auf Gottes Wort
Geschöpfe jeder Art,
In vollem Wuchs und ohne Zahl.
Vor Freude brüllend steht der Löwe da.
Hier schießt der gelenkige Tiger empor.
Das zackige Haupt erhebt der schnelle Hirsch.
Mit fliegender Mähne springt und wieh'rt
Voll Mut und Kraft das edle Roß.
Auf grünen Matten weidet schon
Das Rind, in Herden abgeteilt.
Die Triften deckt, als wie gesät,
Das wollenreiche, sanfte Schaf.
Wie Staub verbreitet sich
In Schwarm und Wirbel
Das Heer der Insekten.
In langen Zügen kriecht
Am Boden das Gewürm.

RAPHAEL
Nun scheint in vollem Glanze der Himmel,
Nun prangt in ihrem Schmucke die Erde.
Die Luft erfüllt das leichte Gefieder,
Die Wasser schwellt der Fische Gewimmel,
Den Boden drückt der Tiere Last.
Doch war noch alles nicht vollbracht.
Dem ganzen fehlte das Geschöpf,
Das Gottes Werke dankbar sehn,
Des Herren Güte preisen soll.

URIEL
Und Gott schuf den Menschen nach seinem
Ebenbilde, nach dem Ebenbilde Gottes schuf er ihn.
Mann und Weib erschuf er sie.
Den Atem des Lebens hauchte er in sein Angesicht,
und der Mensch wurde zur lebendigen Seele.

URIEL
Mit Würd' und Hoheit angetan,
Mit Schönheit, Stärk' und Mut begabt,
Gen Himmel aufgerichtet steht der Mensch,
Ein Mann und König der Natur.
Die breit gewölbt erhabne Stirn
Verkünd't der Weisheit tiefen Sinn,
Und aus dem hellen Blicke strahlt
Der Geist, des Schöpfers Hauch und Ebenbild.
An seinen Busen schmieget sich
Für ihn, aus ihm geformt,
Die Gattin, hold und anmutsvoll.
In froher Unschuld lächelt sie,
Des Frühlings reizend Bild,
Ihm Liebe, Glück und Wonne zu.

RAPHAEL
Und Gott sah jedes Ding, was er gemacht hatte;
und es war sehr gut. Und der himmlische Chor
feierte das Ende des sechsten Tages mit lautem Gesang:

CHOR
Vollendet ist das große Werk,
Der Schöpfer sieht's und freuet sich.
Auch unsre Freud' erschalle laut,
Des Herren Lob sei unser Lied!

GABRIEL, URIEL
Zu dir, o Herr, blickt alles auf.
Um Speise fleht dich alles an.
Du öffnest deine Hand,
Gesättigt werden sie.

RAPHAEL
Du wendest ab dein Angesicht,
Da bebet alles und erstarrt.
Du nimmst den Odem weg,
In Staub zerfallen sie.

GABRIEL, URIEL, RAPHAEL
Den Odem hauchst du wieder aus,
Und neues Leben sproßt hervor.
Verjüngt ist die Gestalt der Erd'
An Reiz und Kraft.

CHOR
Vollendet ist das große Werk,
Des Herren Lob sei unser Lied!
Alles lobe seinen Namen,
Denn er allein ist hoch erhaben!
Alleluja! Alleluja!

Teil III

URIEL
Aus Rosenwolken bricht,
Geweckt durch süßen Klang,
Der Morgen jung und schon.
Vom himmlischen Gewölbe
Strömt reine Harmonie
Zur Erde hinab.
Seht das beglückte Paar,
Wie Hand in Hand es geht!
Aus ihren Blicken strahlt
Des heißen Danks Gefühl.
Bald singt in lautem Ton
Ihr Mund des Schöpfers Lob;
Laßt unsre Stimme dann
Sich mengen in ihr Lied.

EVA UND ADAM
Von deiner Güt', o Herr und Gott,
Ist Erd' und Himmel voll.
Die Welt, so groß, so wunderbar,
Ist deiner Hände Werk.

CHOR
Gesegnet sei des Herren Macht.
Sein Lob erschall' in Ewigkeit.

ADAM
Der Sterne hellster, o wie schön
Verkündest du den Tag!
Wie schmuckst du ihn, o Sonne du,
Des Weltalls Seel' und Aug'!

CHOR
Macht kund auf eurer weiten Bahn
Des Herren Macht und seinen Ruhm!

EVA
Und du, der Nächte Zierd' und Trost,
Und all das strahlend' Heer,
Verbreitet überall sein Lob
In euerm Chorgesang.

ADAM
Ihr Elemente, deren Kraft stets neue Formen zeugt,
Ihr Dünst' und Nebel, die der Wind versammelt und vertreibt:

EVA, ADAM UND CHOR
Lobsinget alle Gott, dem Herrn,
Groß wie sein Nam' ist seine Macht.

EVA
Sanft rauschend lobt, o Quellen, ihn!
Den Wipfel neigt, ihr Bäum'!
Ihr Pflanzen duftet, Blumen haucht
Ihm euern Wohlgeruch!

ADAM
Ihr, deren Pfad die Höh'n erklimmt,
Und ihr, die niedrig kriecht,
Ihr, deren Flug die Luft durchschneid't,
Und ihr im tiefen Nass

EVA, ADAM UND CHOR
Ihr Tiere, preiset alle Gott!
Ihn lobe, was nur Odem hat!

EVA UND ADAM
Ihr dunklen Hain'. ihr Berg' und Tal',
Ihr Zeugen unsres Danks,
Ertönen sollt ihr früh und spät
Von unserm Lobgesang.

CHOR
Heil dir, o Gott, o Schopfer, Heil!
Aus deinem Wort entstand die Welt,
Dich beten Erd' und Himmel an,
Wir preisen dich in Ewigkeit!

ADAM
Nun ist die erste Pflicht erfüllt,
Dem Schöpfer haben wir gedankt.
Nun folge mir, Gefährtin meines Lebens!
Ich leite dich, und jeder Schritt
Weckt neue Freud' in unsrer Brust.
Zeigt Wunder überall.
Erkennen sollst du dann,
Welch unaussprechlich Glück
Der Herr uns zugedacht.
Ihn preisen immerdar,
Ihm weihen Herz und Sinn.
Komm, folge mir, ich leite dich.

EVA
O du, für den ich ward,
Mein Schirm, mein Schild, mein All!
Dein Will' ist mir Gesetz.
So hat's der Herr bestimmt,
Und dir gehorchen bringt
Mir Freude, Glück und Ruhm.

ADAM
Holde Gattin, dir zur Seite
Fließen sanft die Stunden hin.
Jeder Augenblick ist Wonne,
Keine Sorge trübet sie.

EVA
Teurer Gatte, dir zur Seite,
Schwimmt in Freuden mir das Herz.
Dir gewidmet ist mein Leben,
Deine Liebe sei mein Lohn.

ADAM
Der tauende Morgen,
O wie ermuntert er!

EVA
Die Kühle des Abends,
O wie erquicket sie!

ADAM
Wie labend ist
Der runden Früchte Saft!

EVA
Wie reizend ist
Der Blumen süßer Duft!

EVA UND ADAM
Doch ohne dich, was wäre mir -

ADAM
Der Morgentau,

EVA
Der Abendhauch,

ADAM
Der Früchte Saft,

EVA
Der Blumen Duft.

EVA UND ADAM
Mit dir erhöht sich jede Freude,
Mit dir genieß' ich doppelt sie,
Mit dir ist Seligkeit das Leben,
Dir sei es ganz geweiht!

URIEL
O glücklich Paar, und glücklich immerfort,
wenn falscher Wahn euch nicht verführt,
noch mehr zu wünschen als ihr habt,
und mehr zu wissen als ihr sollt!

CHOR
Singt dem Herren alle Stimmen!
Dankt ihm alle seine Werke!
Laßt zu Ehren seines Namens
Lob im Wettgesang erschallen!
Des Herren Ruhm, er bleibt in Ewigkeit!
Amen!


Und es ward Licht

von Meinrad Walter

»Die Schöpfung« zählt zu den wenigen vor 1800 entstandenen Oratorien, denen von Anfang an eine ungebrochene Popularität beim Publikum wie bei den Chören beschieden war. Von solcher Begeisterung, die sich mitunter kaum noch in Worte fassen ließ, zeugt etwa ein Bericht von der Uraufführung am 30. April 1798 in Wien: »Ekstatisch die Gemüter, überrascht, hingerissen, trunken vor Freude und Bewunderung, erfuhren sie für zwei Stunden nacheinander, was sie noch niemals vorher erfahren hatten: ein seliges Dasein, erzeugt von immer größeren Wünschen, die sich immer erneuerten und immer befriedigt wurden« (Guiseppe Carpani).

Der Öffentlichkeit vorgestellt wurde das Werk erst etwa ein Jahr später. Aus diesem Anlass ließ Haydn eigens Zettel mit dem Hinweis drucken, dass er den damals auch nach Einzelsätzen durchaus üblichen Applaus nur als »Merkmal der Zufriedenheit«, nicht aber als »Befehl zur Wiederholung irgendeines Stückes « verstehen würde. Haydn begründete dies mit der inneren Einheit des dreiteiligen Werkes, dessen architektonische Stimmigkeit – auch um der vergnüglichen Wirkung beim Publikum willen – nicht gestört werden sollte.

Offenbar war der Komponist darum besorgt, dass nicht nur die Einzelnummern, sondern, durch deren »ununterbrochene Folge«, auch die innere Einheit des Gesamtwerkes gebührend zur Wirkung kommt. Zugleich aber benennt Haydn damit eines der Spannungsfelder, auf deren souveräner Integration der Erfolg des Stückes letztlich beruht. Das lautmalerisch-musikalische Auskosten vieler Einzelmomente – aus einem weiteren Bericht von der Uraufführung: »die Sonne steigt, der Vögel frohes Lob begrüßt die steigende, der Pflanzen Grün entkeimt dem Boden, es rieselt silbern der kühle Bach, …« – steht in einer ausgewogenen Balance zum architektonischen Gesamtbau des Werkes. Dieser wiederum lebt aus dem Wechsel zwischen Rezitativen und Arien, wobei den Chören zudem die hymnische Steigerung und Schlusswirkung zukommt. Vor allem aber nutzt Haydn die dramatisch-szenischen Momente der Thematik: Vom kosmischen Anfangsdrama des musikalisch vorgestellten Chaos bis zum idyllisch-harmonischen Dialog zwischen Adam und Eva im dritten Teil.

Haydn berichtet, dass ihm bei seinem zweiten Aufenthalt in England ein Schöpfungs-Libretto in englischer Sprache übergeben worden sei. Zusammen mit seiner Begeisterung für Händels Oratorien könnte dies als erster Impuls zur Komposition gewirkt haben. Fokussiert erscheint diese Vorgeschichte der Komposition in einem Bericht, wonach Haydn in London von dem Geiger François-Hippolyte Barthelmon ein geeignetes Thema für ein Oratorium erbeten habe. Dieser habe daraufhin seine Bibel zur Hand genommen und erwidert: »Nehmen Sie das, und fangen Sie mit dem Anfang an«.

Eine hohe Leistung der Integration vollbringt bereits der Musikmäzen und Diplomat Gottfried van Swieten (1733–1803) mit seiner Einrichtung des deutschen Librettos auf der Basis englischer Vorbilder (John Milton u. a.). Van Swietens Bemerkung jedoch, er habe dem (nicht erhaltenen) englischen Text nur ein »deutsches Gewand« umgehängt, verschleiert ein gutes Stück seiner Arbeit. Dieses »Gewand« verwendet nämlich nicht nur den Stoff der biblischen Schöpfungsgeschichte (Genesis 1). Es ist zugleich auf die Thematik der religiös sensiblen Aufklärung im Sinne eines »gläubigen Rationalismus« zugeschnitten. Bereits die Wahl des Themas erklärt sich nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund des Ineinanderflechtens von Bibel und Aufklärung; waren doch der allmächtig-weise Schöpfer das der Aufklärung am meisten vertraute Gottesbild. Der Weg der Gottesbegegnung auf den Spuren der Natur und mit den Mitteln der menschlichen Vernunft war der Kern aufgeklärter Frömmigkeit. Das von Haydn so eindrucksvoll nicht nur in Musik, sondern geradezu in Szene gesetzte »Es werde Licht!« ist Bibelwort und aufklärerisches Motto in einem. Dafür verzichtet die »Schöpfung« in Wort und Ton auf die traditionellen Kontrapunkte zur Schöpfung: Hinweise sowohl auf die Erlösung durch Christus als auch auf den Sündenfall des Menschen. Die Isolierung der Schöpfungsthematik ist die Voraussetzung und zugleich der Preis für ihre Verknüpfung mit dem aufgeklärt-optimistischen Menschenbild, das den Menschen als »Krone der Schöpfung« verstand, wobei seine Ebenbildlichkeit zum Schöpfergott in hohen Tönen gefeiert, seine abgründig-unmenschlichen Möglichkeiten aber gerne ausgeblendet wurden.

Nicht unerwähnt soll jedoch bleiben, dass Haydn den optimistischen Worten seiner Textvorlage gerade an den wenigen dunklen Stellen wie etwa dem Höllensturz im ersten Teil eine erstaunliche musikalische Tiefenschärfe verleiht. »So profitiert der Eindruck jugendlich-naiver Natürlichkeit beim Erscheinen der ’neuen Welt‘ entschieden vom vorangehenden Sturz der Höllengeister[…]; und so wirkt umgekehrt das plötzliche Erstarren der Bewegung […][im] letzten Terzett der Engel (‚Du wendest ab dein Angesicht, da bebet alles und erstarrt / Du nimmst den Oden weg; in Staub zerfallen sie‘) fast schockierend, als beklemmendes Memento mori, da das Ohr nach dem emphatisch vorandrängenden Chor zuvor und dem sanften Fluss des Terzett-Begins derartiges nicht erwartet« (Hans Michael Beuerle). Allein der Sündenfall bleibt auf eine bloße Andeutung reduziert, die dramaturgisch eine rezitativische Brücke zwischen dem Duett Adam–Eva und dem Schlusschor des dritten Teils bildet: »O glücklich Paar, und glücklich immerfort / Wenn falscher Wahn euch nicht verführt, …« Und doch hat Haydn »diesem Rezitativ durch seine ahnungsvoll-düstere Harmonisierung größeres Gewicht gegeben, als es dem Textdichter lieb sein konnte: in diesem Moment war der Komponist mehr Katholik als Aufklärer« (Ludwig Finscher).

Ein weiteres Moment der Balance in Haydns »Schöpfung« beschreibt eindrücklich der Wiener Volksschriftsteller Joseph Richter: »Damit’s alle Leut verstehn, was d‘ Musik hat sagn wolln, so haben sies Büchl von der Cantate [= Textdruck] gratis austheilt, und das ist wunderschön zlesen: und was mir gar gut gfalln hat, es ist hoch gschriebn, und doch verständlich dabey.« Nicht anders die Musik. Ihre durchaus bunte, aber zugleich wohlkalkulierte Mischung aus liedhafter Eingängigkeit und höchster Differenzierung, aus natürlicher Schlichtheit und hoher Virtuosität spiegelt zum einen Haydns Sicht der Schöpfung und garantiert zum anderen die Wirkung bei den Hörern.

Unter den effektvollen Momenten ragt die Erschaffung des Lichtes heraus, er schied aber auch von Anfang an das Publikum in Begeisterte (wie der Komponist Johann Friedrich Reichardt u. a.) und Verschreckte: Eine Zuhörerin wollte sich die Ohren zuhalten.

Größtes Kalkül verwandte Haydn auf die einleitende »Vorstellung des Chaos«, mit der er eine Grenze der Musik überhaupt auslotet und sich der Frage nähert, was denn eigentlich vor der Schöpfung gewesen war. Wie kann die von Ordnung geprägte und auf Prinzipien der Ordnung beruhende Musik das Chaos erklingen lassen, ohne selbst zu einer Art Un-Musik zu werden? Haydn gelingt dies in einem »kalkulierten Durcheinander« (Siegfried Ochs), das nicht nur mit Noten und Klängen, sondern auch mit unseren Hörgewohnheiten spielt. Ungewohnte Klangfarben und metrische Verschleierung, höchste dynamische Differenzierung und harmonische Finessen wirken hier zusammen, um die Andeutung eines Gegenbildes zur Schöpfung zu entwerfen.

Dass dieses »chaotische Gegenbild« selbst nach und vor allem in der Schöpfung noch virulent bleibt, erscheint heute wohl plausibler als zur Zeit Haydns. Sein musikalisches Nachbuchstabieren der Erschaffung der Welt mitsamt dem aufgeklärt-optimistischen Menschenbild, dem das Werk verpflichtet ist, scheint weder einfachhin bejahbar noch obsolet. Vielmehr bleibt es ein ästhetischer Impuls für das Nachdenken darüber, wie die Schöpfung ist und wie ihre Bewahrung immer dringlicher wird. Nicht zuletzt ist Haydns Meisterwerk die komponierte Version eines alten, quasi kontrapunktischen Themas: das Lesen im Buch der Bibel und im Buch der Natur.


Mitwirkende

Katharina Persicke – Sopran

Die Sopranistin Katharina Persicke

Die Sopranistin Katharina Persicke, von der Presse gelobt für ihre „Intensität im Gesang und Spiel“ und ihre „klugen, mit hoher Musikalität dargebrachten Interpretationen“, hat sich in den vergangenen Jahren zu einer vielseitigen Sängerin etabliert. Sie war über mehrere Spielzeiten Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt, wo sie zahlreiche Partien ihres Fachs verkörperte: LIÙ („Turandot“), RUSALKA (Dvořák, „Rusalka“) ROSALINDE („Die Fledermaus“), FIORDILIGI („Cosí fan tutte“), CONTESSA ALMAVIVA („Le nozze di Figaro“), als MICAËLA („Carmen“), MARGUERITE („Faust“), JENUFA (Janáček „Jenůfa“). Sie sang bei den Bayreuther Festspielen, der Opera Ballet Vlaanderen, Staatstheater Augsburg, Oldenburgisches Staatstheater, Theater Luzern, Theater Freiburg, Semperoper Dresden u.a. Dirigenten wie Trevor Pinnock, Semyon Bychkov, Andris Nelsons, Sylvain Cambreling, Hartmut Haenchen, Ruben Dubrovsky, Daniel Cohen gehören zu ihren Wegbegleitern. Neben der Oper bildet das klassisch romantische Konzertrepertoire und Kammermusik einen Schwerpunkt der Sängerin. Katharina Persicke war Preisträgerin mehrerer Wettbewerbe und wird von dem Atem- und Belcanto- Spezialisten Stefan Haselhoff in Basel betreut.

Georg Poplutz – Tenor

Der für seine klangliche Empfindsamkeit und Ausdrucksstärke geschätzte Lied- und Oratorientenor Georg Poplutz gehört zu den vielgefragten Interpreten seines Fachs. Er konzertiert bei namhaften Festivals und in bedeutenden Kirchen und Konzertsälen im In- und Ausland bis hin nach China, Georgien, Mexiko, Singapur und Südafrika und arbeitet dabei u.a. mit Jörg-Andreas Bötticher, Rudolf Lutz, Hans-Christoph Rademann, Andrzej Szadejko, Michael Willens und Roland Wilson zusammen. Poplutz wirkte als Solist an zahlreichen Rundfunk- und etwa 120 CD-Produktionen mit, unter denen Kantaten für die J.S. Bach Stiftung St. Gallen mit Lutz zu finden sind sowie zahlreiche Werke für die Heinrich-Schütz-Gesamtaufnahme mit Rademann. Letztere wurde 2020 mit dem „Opus Klassik“ ausgezeichnet wie 2022 auch eine Oratorien-Einspielung von Daniel Pucklitz zusammen mit Szadejko. Ebenfalls 2022 erschienen die beiden Solo-CDs „Ich bin mit Gott vergnügt – zuversichtlich durch die Zeiten“ (Barockkantaten, Telemann Ensemble Frankfurt und Andreas Köhs, Orgel) und „Das ist meine Freude – Liebeslieder, Jubel- und Psalmgesang im 17. Jhdt.“ (Johann Rosenmüller Ensemble und Arno Paduch, Zink). Mit großer Begeisterung widmet sich Poplutz außerdem dem Liedgesang. Seit der Studienzeit verbindet ihn mit dem Liedpianisten Hilko Dumno eine enge Zusammenarbeit und verschiedene Programme wie auch die gemeinsame CD „Lieder an die Entfernte“ haben ausgezeichnete Kritiken bekommen. Ferner arbeitet er u.a. mit Asendorf & Hladek (Gitarren, CD Schuberts „Die schöne Müllerin“) und Jürgen Banholzer (Orgel, CD „O Güldnes Licht“) zusammen. 2023 erschien die CD „Nur über uns die Linde rauscht“ mit Eichendorff-Liedern und Rudolf Lutz am Piano und im Herbst 2025 „Kannst Du das Lied verstehn?“ (Lieder von Blumen und Bäumen mit C. Bertucci, Sopran, und T. Dravenau, Klavier). Georg Poplutz ist im westfälischen Arnsberg aufgewachsen. Er studierte nach dem Staatsexamen für das Lehramt noch Gesang in Frankfurt a. M. und Köln bei Berthold Possemeyer und Christoph Prégardien. Er wurde durch Yehudi Menuhins „LiveMusicNow“ gefördert und wird stimmlich von Carol Meyer-Bruetting beraten.

Manfred Bittner – Bariton

Der Bass-Bariton Manfred Bittner wurde in Weißenburg/Bayern geboren und erhielt seine erste grundlegende musikalische Ausbildung bei den Regens-burger Domspatzen. Er studierte bei Wolfgang Brendel in München und besuchte als Stipendiat des Deutschen Bühnenvereins gleichzeitig die Bayerische Theaterakademie im Prinzregententheater und die Opernschule München. Anschließend absolvierte Manfred Bittner ein Meisterklassenstudium in Stuttgart und besuchte Meisterkurse, beispielsweise bei Andreas Schmidt und Thomas Quasthoff. Wichtige Impulse erhält er derzeit von Stefan Haselhoff (Basel). Das umfangreiche, breitgefächerte Repertoire des Bass-Baritons spannt einen Bogen von Werken des Mittelalters über Opern und Oratorien aus Barock, Klassik und Romantik bis hin zu Uraufführungen zeitgenössischer Musik. Zahlreiche Rundfunk- und CD-Aufnahmen dokumentieren seine künstlerische Tätigkeit und Konzertreisen führten ihn durch ganz Europa, nach Australien, in die Schweiz und Südostasien. Manfred Bittner arbeitet regelmäßig mit renommierten Ensembles wie L’arpa festante, den Regensburger Domspatzen, dem Freiburger Barockconsort, dem Balthasar-Neumann-Ensemble, der Akademie für Alte Musik Berlin, dem Basler Kammerorchester, Concerto Köln oder der Hamburger Camerata und mit Dirigenten wie Winfried Toll, Stephen Stubbs, Ivor Bolton, Frieder Bernius, Philippe Herreweghe, Rene Jacobs und Thomas Hengelbrock und mit Regisseuren wie Barry Kosky und Claus Guth zusammen. Manfred Bittner gastierte unter anderem bei der Biennale für Neue Musik München, den Wiener Festwochen, den Berliner Festspielen / Festwochen , beim Bachfest Leipzig und dem Europäischen Musikfest Stuttgart. So sang er beim Feldkirch Festival den Masetto in Mozarts Don Giovanni unter der Leitung von Thomas Hengelbrock, und war bei den Schwetzinger Festspielen in der Oper Il Guistino von Legrenzi zu hören. 2009 gastiert er als „Tod“ am Stadttheater Fürth mit „Der Kaiser von Atlantis“ von Viktor Ullmann.

Das UnichOrchester Freiburg

Violine 1 Stella Manno-Fumey (Konzertmeisterin), Isabel Soteras, Hannah Wagner, Felicitas Ohnmacht, Ayano Shigematsu Violine 2 Julia Weeda, Viola Grömminger, Luisa Marotzke, Gunnar Persicke Viola Lea van der Heijden, Alejandro París Cabezudo, Alisa Ponomarenko Cello Guido Larisch (Rezitative), David Neuhaus Kontrabass France Beaudry-Wichmann Flöte Stefanie Gaisberger, Ortrun Kestel, Martha Huebner Oboe Hanna Geisel, Miriam Lukas Klarinette Julien Laffaire, Nicole Krüger Fagott Kerem Ersahin, Maren Hahn Kontrafagott Carl Roewer Trompete Frieder Reich, Louis Rochefort Horn Laura Ferreira, Rodrigo Freitas Posaune Leo Arnaud, Goncalo Sales, Damian Sulik Pauke Jan Pohlmann Hammerflügel Michael Behringer

Eduard Wagner – Leitung

Der Sänger und Chorleiter Eduard Wagner

Eduard Wagner studierte an der Musikhochschule Freiburg parallel zu seinem Kirchenmusikstudium bei Prof. Martin Schmeding (Masterabschluss 2014) Konzert- und Operngesang bei Prof. Torsten Meyer sowie Liedgestaltung bei Prof. Matthias Alteheld. Meisterkurse bei Margreet Honig, Brigitte Fassbaender, Kai Wessel und René Jacobs runden sein Gesangsstudium ab. Er ist seit 2017 Dirigent des Universitätschores der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, welcher besonders mit Orffs „Carmina Burana“, den „Chichester Psalms“ von Bernstein, der „Tango-Messe“ von Martín Palmeri und Mozarts „Requiem“ große Erfolge feierte. Seit April 2016 ist Eduard Wagner als Kirchenmusikdozent am Erzbischöflichen Priesterseminar Collegium Borromaeum sowie den weiteren pastoralen Ausbildungsstätten der Erzdiözese Freiburg für die kirchenmusikalische Ausbildung der Studierenden zuständig. Im Kollegium der Bezirkskantoren ist er für die vokalpädagogische Arbeit in der C-Ausbildung verantwortlich. Als Sänger ist er ein gern gefragter Interpret für die klassischen und romantischen Oratorien und konzertierte als Tenorsolist im Freiburger Raum sowie in vielen weiteren Städten Deutschlands. Am Theater Freiburg war er in Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ als „Knusperhexe“ zu hören. Weitere Opernproduktionen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musiktheater der Musikhochschule Freiburg waren Mozarts „La finta giardiniera“ sowie Poulencs surreale Oper „Les mamelles de Tirésias“, in der er die Hauptrolle des „Le Mari“ sang. Als Chorsänger sammelte er sehr wertvolle Erfahrungen im WDR-Rundfunkchor bei der Produktion von Ravels „Daphnis et Chloe“ in der Philharmonie Luxemburg.

Der Unichor Freiburg

Anlässlich des 550. Universitätsjubiläums 2007 entstand der Unichor Freiburg als Chor der Beschäftigten der Universität Freiburg. Er ist, auch wenn man das vermuten könnte, keine Institution der Uni, sondern wird nur von ihr gefördert. Der Chor wird durch die Universität finanziell und mit der Bereitstellung von Räumen für Proben und Konzerte unterstützt. Der Großteil der etwa 120 Chormitglieder sind Studierende und Angehörige Freiburger Hochschulen. Seit 2020 ist der Unichor Freiburg als Verein organisiert.

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Quellen: Der dargestellte deutsche Werktext wurde übernommen aus The LiederNet Archive. Lebensläufe der Musiker:innen wurden von den betreffenden Personen zur Verfügung gestellt. Das Titelbild „Looking Back from Apollo 11“ wurde am 16.07.1969 aufgenommen und im NASA-Projekt Visible Earth veröffentlicht. Die Zeichnung stammt von Agnes Avagyan.